Freitag,
17.05.2002

Von Silke Katenkamp
Remscheid Als Gott ihm ein Bier brachte, bekannte sich Stefan zum Christentum. Auf der Suche nach dem Sinn des Lebens war der arbeitslose Rockgitarrist durch den Wald gelaufen, im Frühling 1999. Hinter ihm lagen eine gescheiterte Ehe, ein Haufen Schulden und die Bekanntschaft mit dem Gerichtsvollzieher. Ein Leben ohne Bock, ohne Drive, dafür mit viel Bier. Der 29-Jährige saß auf einer Holzbank und war da an gekommen, wo ihm keiner mehr helfen konnte. Außer vielleicht Gott. Und von Gott wünschte er sich in diesem Moment einfach nur ein Bier. Da kam plötzlich ein Mann des Weges, setzte sich und bot ihm aus seinem Rucksack ein Pils an.Stefan hielt dies für ein Zeichen Gottes, umzukehren und ein neues Leben anzufangen.
Im Kultschockk in Remscheid gibt es Bier und Gott hat wieder etwas damit zu tun. Dort, wo Batman und Spiderman als Graffiti über die Wände klettern und Punkrock, House und Reggae gespielt wird, feiern die Remscheider Jesus Freaks seit vier Jahren alternative Messen und erzählen sich beim Pils von ihren göttlichen Begegnungen wie denen des Rockmusikers Stefan. Ihre Wurzeln hat die Bewegung in Hamburg. Vor zehn Jahren hatten dort Tontechniker Kristian Reschke, BWL-Student Tobias Görtz und Drogentherapeut Martin Dreyer Bock, mit Jesus zusammenzuleben. Anders, als sie es aus der Kirche kannten, auf ihre Weise, mit schrillen Outfits, schräger Musik und krasser Sprache. Aus dem Trio ist die europaweite Bewegung Jesus Freaks geworden. Etwa 3000 Anhänger gibt es nach Angaben der Freaks in Deutschland in über 100 Gruppen, zehn davon in NRW.
Es ist Freitagabend, kurz vor neun in Remscheid. Etwa fünfzig Jugendliche haben sich im Kultschockk versammelt, die meisten sind zwischen 16 und 26 Jahren alt: Punks mit gelb- und rotgefärbten Haaren sitzen in dem schummrigen Raum, neben gepiercten Jungen und Mädchen mit Nietengürteln, dazwischen Hornbrillenträgern mit akkurat geschnittenen Koteletten. Sie sind gekommen, um das Wort Gottes zu hören. An eine Wand hat jemand das Wort Jesus gesprüht, unter der Decke hängen bunte Scheinwerfer, daneben eine Discokugel.
Die Gemeinde sitzt auf alten Sofas oder einfach auf Kissen vor einer kleinen Bühne, auf der ein Junge mit Nietenarmband die Termine der nächsten Wochen ankündigt. Konzerte, Geistestaufe und Sprachengebet im Mai. Wer mehr ausloten will, worum es mit Gott geht, ist herzlich willkommen, sagt er. Dann fordert er die Gruppe auf, zu erzählen, von ihren krassen Erlebnissen mit Jesus. Da sich keiner nach vorn traut, erzählt er von seinem Wochenende: Auf der Autobahn hat der Motor seines Wagens plötzlich Feuer gefangen. Er fuhr an den Seitenstreifen und löschte den Brand mit den zwei Schluck, die noch in seiner Wasserflasche waren. Ich fand das ziemlich cool von Jesus, sagt der Junge. Halleluja, ruft die Gemeinde, und Amen mit der Betonung auf der zweiten Silbe.
Ein Mann mit Brille, Ziegenbart und langen blonden Haaren tritt dazu und greift sich das Mikrofon. Storch nennen sie ihn, den selbst ernannten Freak-Pastor alias Karsten Schmelzer, 30, gelernter Buchhändler aus Wetter. Ganz in Schwarz gekleidet ist er und beginnt mit gepresster Stimme zu predigen. Von der Saat und der Ernte, Matthäus 13, und der Schwierigkeit, zum Wort Gottes zu stehen. Mit großen Schritten schreitet er die Bühne ab und erinnert dabei an einen Prediger aus dem US-Bibel-Fernsehen.
Nach der Predigt schlägt der Punkrocker Jan, 22, die Saiten seiner Gitarre an. I'll never understand the way you died for me ... You are real, you are everything to me. Jan singt mit geschlossenen Augen und es klingt wie eine Hippie-Ballade. Ein Projektor wirft den Liedtext an die Wand. Die Freaks haben sich von ihren Plätzen erhoben und stimmen ein in den Lobpreis Gottes. Stehend, mit entrücktem Blick, wiegen sie sich im Takt der Musik, die geöffneten Handflächen zur Decke ihres Gotteshauses gestreckt, bereit, die Botschaft zu empfangen. Ein paar knien betend am Boden.
Mit 20 Jahren hat Jan angefangen, Liebeslieder an Gott zu singen. Drei Jahre zuvor war er das erste Mal ins Kultschockk gekommen, damals noch, weil es die Flasche Bier für eine Mark fünfzig gab. Doch eines Tages, erinnert Jan sich, in der Küche seiner Eltern, spulte sich sein Leben wie ein Film vor seinem geistigen Auge ab. Eine Reihe von Sequenzen, voller Drogen und Alkohol, voller Leere und Angst. Es muss Gott gewesen sein, da ist Jan sich sicher, der ihm das zeigte. Er fing an, die Bibel zu lesen und hörte die Predigten im Kultschockk. Er begann einen Job bei der Lebenshilfe in Remscheid, wo er mit behinderten Menschen arbeitet. Vor zwei Jahren ließ er sich von Storch mit den Worten Ich taufe dich auf den Namen Jesu Christi ins Wasser der Wupper tauchen. Seit einem halben Jahr ist er mit der 19-Jährigen Nina verheiratet. Bei den Jesus Freaks gibt es viele jung verheiratete Paare. Sex vor der Ehe versagen sie sich mit Hinweis auf die Heilige Schrift. Wir versuchen, so radikal wie möglich nach der Bibel zu leben, sagt Storch.
Der Sekten- und Weltanschauungsbeauftragte der Evangelischen Kirche im Rheinland, Pfarrer Andrew Schäfer aus Düsseldorf, verurteilt nicht den starken Bezug der Freaks zur Bibel. Der Glaube der Gruppe sei biblisch begründet, so dass man durchaus von einer christlichen Frömmigkeit sprechen könne. Es gibt einen Trend zur neuen Religiosität jenseits kirchlicher und freikirchlicher Strukturen, sagt er. Gruppen wie die Jesus Freaks hätten durchaus Chancen zu bestehen, weil sie sehr erlebnisorientiert sind. Es bestehe jedoch die Gefahr, dass das Gruppenerlebnis so intensiv sei, dass diese Emotionen mit dem Heiligen Geist verwechselt werden könnten.
Die Stadt Remscheid hat die Freaks mittlerweile als Träger der freien Jugendarbeit anerkannt. Sie können jetzt Geld für ihre Projekte beantragen, die sie bislang mit Spenden finanziert haben. Über 200 Anhänger gehören nun zu den Remscheider Jesus-Hippies. Mindestens jede zweite Woche dabei ist Rockmusiker Stefan, der seit vier Monaten eine Umschulung zum Werbekaufmann macht. Allerdings kommt er nicht mehr wegen des billigen Bieres ins Kultschockk. Das trinkt er nicht mehr. Obwohl er dadurch erst zu Gott gefunden hat.