Solinger Tageblatt
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Nach der Predigt ein kühles Bier

Eine Jugendkirche der anderen Art mit einem Metal-Fan als Prediger: die "Jesus-Freaks".

Getaway © Uli Preuss
Volles Haus bei der Jesus-Party Anfang des Jahres im Getaway mit Storch.

Von Philipp Thiel

Remscheid, Treppenstraße: An der Ecke steht ein weißer Pavillon, über der Tür das Schild "Kultshockk". Direkt hinter dem verhangenen Eingang steht eine Bar, im Hauptraum eine Bühne, die Wände sind mit Graffiti besprüht, Bier und Cola stehen im Kühlschrank, und Storch sitzt gemütlich auf einem Sofa. Herzlich willkommen im Gemeindehaus der Jesus-Freaks!

Junkies und normale Kids ansprechen

 Der langhaarige Metal-Fan ist Gemeindeleiter, etwas Pastorähnliches, bei den Jesus-Freaks, einer Jugendkirche der anderen Art. Ähnlich der normalen Kirche werden hier Gottesdienste gefeiert, man betet und lebt ein Leben mit Gott. "Nur der Stil ist anders, denn wir leben in unserer Kultur", erklärt der schwarz gekleidete Storch. Bei den Jesus Freaks versammeln sich nämlich Punks, Metaller, Skater und anderen Jugendkulturen, die kein Interesse an der gewohnten Kirche haben. "Wir haben uns überlegt, wo Junkies, Alkoholiker, aber auch ganz normale Kids hingehen, denen die Kirche zwar zu spießig ist, für die Gott aber dennoch das Wichtige im Leben ist!"

Im Wohnzimmer bei Jojo und Tanja sind dann vor sechs Jahren die Jesus Freaks entstanden. Seit nunmehr vier Jahren leben die Gläubigen ihren jesuszentrierten Glauben im "Kultshockk". Zum Gemeindeleben gehören Partys, Konzerte, Gemeindefahrten, Taufen, im Mittelpunkt stehen jedoch die Gottesdienste. Die Kirchenorgel wird freitags und sonntags durch E-Gitarren, Schlagzeug und Bass oder einen Rock-DJ ersetzt und während die Gemeinde rauchend den Worten des Predigers lauscht, werfen Scheinwerfer buntes Licht auf die Bühne. "Im Musikteil nach der Predigt wird auch ab und an mal zur zünftigen Metal- oder Punkmusik der Bands ausgelassen getanzt", erklärt der sympathisch-offene Storch. Zur Erfrischung gibt es dann auch noch kühles Bier. An Samstagen organisiert die Gemeinde, die sich durch Spenden finanziert, oft Konzerte, bei denen alle Vertreter sämtlicher Arten moderner Musik auf ihre Kosten kommen. Sogar eine Techno-Party ist in Zukunft geplant.

Offen sind die Freaks auch bei kritischen Fragen: "Ich habe zum Beispiel auch nichts gegen Satanisten. Auch wenn ich ihren Glauben für beschränkt und völlig krank halte, kann ich sie akzeptieren und freue mich, wenn Vertreter zu uns kommen und wir mit ihnen sprechen können." Auch beim Thema Drogen wird kein Blatt vor den Mund genommen: "Wir wissen, dass es Drogen gibt und wir versuchen den Menschen zu helfen, von diesen wegzukommen. Bald gibt es hier sogar eine Suchttherapiegruppe." Rund 80 Christen versammeln sich hier, denen die Kirche nach eigenen Aussagen die Moderne nicht bieten konnte, die sie zum Leben brauchen. Sie Leben jetzt einen Glauben, wie sie ihn für richtig halten und bieten jedem Rückhalt, der eben einfach anders ist als der herkömmliche Kirchengänger.



Solinger Tageblatt vom 20. November 2002

Weiterführende Links:
Archiv: Jesus-Freaks im Getaway

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