Ein
sonderbares Buch
Es gibt einige Bücher in der Bibel, die schwer
zugänglich und auszulegen sind.
Das Buch Hiob gehört sicherlich dazu.
Mehr als die meisten anderen Bibelbücher scheint
es aus dem Zusammenhang der Bibel herauszufallen, weil es Gott scheinbar nicht
als einen liebenden, sondern einen willkürlichen und unachtsamen Gott darstellt.
Ebenfalls für die Bibel ungewöhnlich, soll hier
anscheinend auch das Leiden in der Welt geistlich erklärt werden, was aber
oft nicht recht nachvollziehbar ist.
Tatsächlich sind jedoch die Widersprüchlichkeiten
und Härten in Hiob auslegbar, so dass sich das Buch im Endeffekt gut in
den Gesamtzusammenhang der Bibel einreiht.
Es bleibt: Hiob ist in mancher Hinsicht eines der interessantesten
Bücher der Schrift.
Der Aufbau des Buches
Ich gliedere Hiob in vier Sinnabschnitte, wobei solche Gliederungen
immer ziemlich willkürlich sind und andere Ausleger den Text ganz anders
(aber genauso richtig) gliedern würden:
1. Einleitung, Hiobs Reichtum, die Himmelsszene und Hiobs Fall (Hiob 1,1-2,10)
2. Reden der Freunde und Hiobs Antworten (2,11-37,24)
3. Gottes Antwort auf Hiob (38,1-41,26)
4. Hiobs Busse und Wiederherstellung
Die einzelnen Abschnitte
Um es allen zu erleichtern, dieses Handout zu lesen, gebe ich im folgenden den Inhalt der einzelnen Sinnabschnitte wieder:
1. Einleitung, Hiobs Reichtum,
die Himmelsszene und Hiobs Fall (Hiob 1,1-2,10)
Am Anfang ist Hiob ein reicher und frommer
Mann.
Eines Tages findet im Himmel ein Treffen Gottes mit den
Engeln (die hier "Söhne Gottes" genannt werden) statt. Unter
ihnen ist auch der Satan. Es kommt zu einem Gespräch zwischen Gott und
dem Teufel, in dem Gott Hiob als einen geraden und gottesfürchtigen Mann
rühmt.
Der Teufel bittet um die Erlaubnis, Hiob erst allen seinen
Besitz und seine Kinder nehmen zu dürfen und ihn dann auch noch mit allerlei
Krankheiten zu quälen.
Beiden Bitten wird stattgegeben. (1,6-12 / 2,1-6)
2. Reden der Freunde und Hiobs Antworten (2,11-37,24)
Den Hauptteil des Buches (immerhin
35 Kapitel) machen Weisheitsreden aus.
Am Anfang des 2. Kapitels sehen wir Hiob arm, krank und gebrochen, wie er mit
Gott hadert. All seine Leiden führt er auf Gott zurück und sieht sich
in einem Rechtsstreit mit dem Allmächtigen.
Drei Freunde, die sich allesamt für sehr weise halten, kommen, um Hiob
zu trösten.
Tatsächlich sind all ihre Reden, so gut sie klingen, Schall und Rauch.
Dieser Teil ist nicht ganz leicht zu lesen; es zieht sich ziemlich, wie die
Freunde Hiob immer wieder sagen, dass er selbst schuld an seiner Misere ist
(ohne genaue Sünden nennen zu können) und Hiob immer wieder versichert,
es wäre Gottes Schuld, der erbarmungslos und ungerecht mit ihm verfährt.
Einziges erheiterndes Element in diesem ganzen Teil ist Hiobs Sarkasmus, mit
dem er teilweise die selbsternannten Weisen attackiert:
Da antwortete Hiob und sprach: Wahrhaftig, ihr seid besondere Leute, und
mit euch stirbt die Weisheit aus. (Hiob 12,1-2, Einheitsübersetzung)
Da antwortete Hiob und sprach: Ähnliches habe ich schon viel gehört;
leidige Tröster seid ihr alle. (Hiob 16:1-2, Einheitsübersetzung)
Am Ende, als alle anderen ausgesprochen haben, spricht noch ein vierter "Weiser",
Elihu, der jüngste, der bisher geschwiegen hatte. Er fasst noch einmal
schön den theologischen Standpunkt der anderen zusammen und treibt in auf
die Spitze. Wo die anderen Weisen noch tastend und vorsichtig waren, nimmt er
kein Blatt vor den Mund:
Möchte Hiob fort und fort geprüft werden, weil er sich zu den gottlosen
Leuten geschlagen hat!
Denn zu seiner Sünde fügt er Abfall hinzu, er verhöhnt uns und
redet viel wider Gott! (Hiob 34,36-37, Schlachterübersetzung)
Ihm antwortet Hiob als einzigem nicht mehr, denn Gott selbst fängt an,
im Gewittersturm auf Hiobs Klagen zu antworten.
3. Gottes Antwort auf Hiob (38,1-41,26)
Gott antwortet, indem er Hiob seine
Grösse offenbart.
Es ist eine heilsame Offenbarung Gottes, der angefangen hat, Hiob ganz wiederherzustellen.
Die Erkenntnis der Grösse Gottes rückt Hiobs Denken und Empfinden
wieder zurecht und stellt seine Beziehung zu Gott auf eine Ebene, die er sich
vorher nicht einmal hätte vorstellen können.
4. Hiobs Busse und Wiederherstellung
Als Antwort auf Gottes Rede erkennt
Hiob seine eigene Nichtigkeit und Vergänglichkeit und versteht, dass er
nicht mit Gott ins Gericht gehen kann:
Siehe, ich bin zu gering; was soll ich Dir antworten? Ich will meine Hand auf
meinen Mund legen! Ich habe einmal geredet und kann es nicht verantworten, und
zum zweitenmal will ich es nicht mehr tun! (Hiob 40,4-5, Schlachterübersetzung)
Am Ende sagt er:
Vom Hörensagen hatte ich von dir gehört, aber nun sehe ich dich
mit meinen Augen. (Hiob 42,5, Schlachterübersetzung)
Die Offenbarung Gottes hat ihm gezeigt, dass Gott nicht der ist, für
den er ihn gehalten hat, wahrscheinlich, dass es gar nicht Gott war, der ihn
quälte (wie er die ganze Zeit dachte), sondern dass von Gott gute und vollkommene
Dinge kommen.
Nach Hiobs Busse folgt eine völlige Wiederherstellung. Alles, was der Teufel
in Hiobs Leben zerstört hat, baut Gott wieder auf und erstattet es Hiob,
so dass es im letzten Satz des Hiob-Buch heisst:
Und Hiob starb alt und lebenssatt. (Hiob 42,17)
Ist das Gott?
In Hiob scheint Gott schlecht wegzukommen.
Der Schriftsteller Louis de Bernières fasst das
in seiner Einleitung zum Buch Hiob so zusammen:
"Wir haben es also nicht nur mit einem frivolen Schwindler als Gott zu
tun, sondern zudem mit einem, der die Wiedergutmachungen vermurkst, wenn er
sich denn zu ihnen durchringen kann. Es gibt viele Episoden in der Bibel, die
Gott in einem ziemlich schlechten Licht zeigen (...), sodass man aus diesen
Stellen eigentlich nur schliessen kann, dass Gott entweder ein verrückter,
blutrünstiger und launenhafter Despot ist oder dass wir in all der Zeit
unabsichtlich den Teufel angebetet haben."
Ich vermute, dass es vielen so geht und dass dies die Fragen
sind, die sich manch einer nach der Lektüre des Alten Testaments und Hiob
stellt.
Ist Gott etwa doch nicht der, für den wir ihn halten?
Wie kann man Hiob in Einklang bringen mit dem liebenden
Vater-Gott, den uns Jesus gezeigt hat?
Auslegung – Nur ein Schatten
Es ist generell schwierig, aus dem Alten Testament Theologie
abzuleiten, die für die Gemeinde des Neuen Testaments gültig ist.
Die Voraussetzungen sind einfach andere. Testament heisst Bund, und das Alte
Testament ist die Bundesurkunde für Gottes Alten Bund mit Israel; das Neue
ist die Bundesurkunde für seinen neuen Bund mit der Gemeinde. Manche Sachen
sind geblieben, aber vieles hat sich auch geändert.
Das Alte Testament ist nicht mehr als ein Schatten der
Dinge des Neuen Testaments (Hebräer 10). Man kann zwar in dem Schatten
die ungefähre Form erkennen, aber es bleibt ein Schatten, es ist nicht
die letzte Offenbarung
Gottes letzte Offenbarung ist Jesus (Hebräer 1,1), und in seinem Lichte
muss das Alte Testament gesehen werden.
Ein Bindeglied
Obwohl Hiob wahrscheinlich das älteste Buch der Bibel ist, stellt es auf sonderbare Weise eine Art Bindeglied zwischen der Theologie des Alten und der Theologie des Neuen Testamentes dar.
Die Reden
sind Theologie des AT in Reinkultur.
Alles wird Gott zugeschrieben, sowohl das Gute als auch das Böse. Da die
Person des Teufels – anders als im Neuen Testament – noch nicht richtig offenbart
war, werden alle negativen Dinge ebenso wie die positiven als von Gott kommend
gewertet.
"Die Tatsache, dass es im Alten Testament an einigen Stellen heisst,
dass Gott eine Krankheit schickte, (...)ist wahrscheinlich darauf zurückzuführen,
dass Satan noch nicht erwähnt ist. (...) In dem Moment, wo Satan offenbart
wird, werden Dinge, die vorher Gott zugeschrieben wurden, ihm zugerechnet."
Während das Neue Testament klarstellt, dass jede
gute Gabe und jedes vollkommene Geschenk (von oben) kommt, vom Vater der Gestirne,
bei dem es keine Veränderung und keine Verfinsterung gibt. (Jakobus 1,17,
Einheitsübersetzung), heisst es im Alten Testament:
Geschieht auch ein Unglück in der Stadt, das der HERR nicht tue? (Amos
3,6, Schlachterübersetzung)
Über Saul wird sogar gesagt, dass er von einem
bösen Geist Gottes heimgesucht wird (1.Samuel 16). Vom Neuen
Testament her wissen wir, dass Gott einen heiligen, guten Geist hat und dass
böse Geister eben nicht von Gott, sondern vom Teufel sind.
Die Himmelsszene – Gottes Schutz
ist theologisch ziemlich neutestamentlich.
Es kommt sehr klar heraus, dass nicht Gott Hiob beraubt und krank macht, sondern,
dass es der Teufel ist, der das tut.
Weder Hiob noch seine Kollegen wissen das, sie sind viel zu sehr in ihrem Weltbild
des Alten Testaments verfangen, um das zu wissen.
Die Himmelsszenen hat zwei Schlüsselstellen:
Da sprach der HERR zum Satan: Siehe, alles, was er hat, ist in deiner Hand.
Nur gegen ihn selbst strecke deine Hand nicht aus! Und der Satan ging vom Angesicht
des HERRN fort. (Hiob 1,12, Elberfelder Übersetzung)
Da sprach der HERR zum Satan: Siehe, er ist in deiner Hand. Nur schone sein
Leben! (Hiob 2,6, Elberfelder Übersetzung)
Leider übersetzen einige wenige deutsche Übersetzungen die erste Stelle
mit:
Siehe, alles, was er hat, sei in deiner Hand (Schlachter), was etwas
entstellend ist.
Die Sicht des Neuen Testaments ist hier, dass alles bereits in der Macht des
Teufels ist und er der Gott dieser Welt ist (1.Korinther 4,4):
Wir wissen: Wir sind aus Gott, aber die ganze Welt steht unter der Macht
des Bösen. (1.Johannes 5,19, Einheitsübersetzung)
Epheser 6,12 redet von dunklen
Weltbeherrschern, gegen die wir kämpfen.
Die Absicht des Teufels macht Jesus in Johannes 10,10 klar:
Der Dieb kommt nur, um zu stehlen, zu töten und zu verderben; ich bin
gekommen, damit sie Leben haben und es im Überfluß haben. (Schlachterübersetzung)
Der Grund, warum es dem Teufel nicht gelingt, alle zu töten, bevor
sie das Heil in Christus erlangen – und auch danach nicht – ist der Schutz Gottes.
Der Teufel ist nicht ganz frei in dem, was er macht; Gott selbst setzt ihm Grenzen:
Nur gegen ihn selbst strecke deine Hand nicht aus... . Nur schone sein Leben!
Das der Teufel trotz seines Herrschaftsanspruches nicht an Gott vorbeikommt,
sehen wir auch im Neuen Testament:
Es sprach aber der Herr: Simon, Simon, siehe, der Satan hat euch begehrt, um
euch zu sichten wie den Weizen; ich aber habe für dich gebetet, daß
dein Glaube nicht aufhöre; und wenn du dich dereinst bekehrst, so stärke
deine Brüder! (Lukas 22,31, Schlachterübersetzung)
Gott bestimmt dem Satan Grenzen, innerhalb derer er sich bewegen muss, und
sorgt so dafür, dass die Not nicht so gross ist, dass wir sie nicht tragen
können.
1.Korinther 10,13 enthält eine Verheissung darüber:
Gott aber ist treu; der wird euch nicht über euer Vermögen versucht
werden lassen, sondern wird zugleich mit der Versuchung auch den Ausgang schaffen,
daß ihr sie ertragen könnt.
Zusätzlich zu Gott dem Vater, der darauf achtgibt, dass das Wirken des Teufels sich innerhalb gewisser Grenzen abspielt, haben wir noch den Heiligen Geist, der in jeder Situation unser Helfer und Tröster ist, und Jesus, der als unser Hoherpriester (Hebräerbrief) für uns betet, dass unser Glaube nicht aufhört.
Wir wissen, dass in allen Nöten und Anfechtungen der Teufel unser ewiges Leben und Heil in Christus nicht erreichen kann, denn unser Leben ist verborgen mit Christus in Gott. (Kolosser 3,3 Schlachterübersetzung)
Wie den Weizen
Warum lässt Gott überhaupt zu, dass schlechte Dinge
in unserem Leben sind?
Jesus sagt zu Petrus, dass der Satan euch begehrt, um euch zu sichten wie
den Weizen.
Das Sichten des Weizens wurde zur Zeit Jesu entweder mit Dreschflegeln oder
Sieben vorgenommen und verfolgte das Ziel, die Spreu vom Weizen zu trennen.
Als Petrus durch seine notvolle Situation hindurchgegangen war, schrieb er später
einen Brief, in dem er von der Läuterung des Glaubens in widrigen Lebensumständen
spricht.
Des Teufels Motive sind sicherlich nur schlecht in seinem Vorgehen, aber Gott
dreht den Spiess um. Was für den Teufel aussieht wie ein Sieg in unserem
Leben, wird für ihn eine schreckliche Niederlage.
Am Ende steht die Läuterung des Glaubens, und es wird besser als vorher
sein.
Auch für Hiob wendete sich das Geschick, und er hatte am Ende in jeder
Beziehung mehr als vorher.
Das heisst nicht, dass Gott will, dass wir leiden oder gar, dass er der Urheber
des Leidens ist. Es heisst nur, dass er nachträglich etwas aus unseren
Leiden und Kämpfen machen kann und dass sie nicht umsonst sind.
Wir wissen aber, daß denen, die Gott lieben, alles zum Besten mitwirkt,
denen, die nach dem Vorsatz berufen sind. (Römer 8,28, Schlachterübersetzung)
Gott dreht den Spiess, den der Teufel gegen uns gerichtet
hat um und er wird zu einer Waffe in unserer Hand.
Fast schon lustig ist 1.Johannes 3,8b: Hierzu ist der
Sohn Gottes geoffenbart worden, auf daß er die Werke des Teufels vernichte.
Jesus macht das, was der Teufel in unserem Leben aufbaut,
wieder kaputt. Das, was zerstört ist, baut er wieder auf, Halleluja!
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